Was uns ausmacht: Lauferlebnisse und mehr...


Der ganz normale Wahnsinn in der Läufergruppe - Geschichten, Gedanken, Lauf-(Er-)Leben.

Verfasst, in loser Folge publiziert und in voller Verantwortung getragen von Katja König (der Tochter unseres Läufer-Häuptlings)


Mai 2020

 

Lauft ihr schon oder dümpelt ihr noch...

- oder - Wettkampf in Coronazeiten - virtuell und doch so sehr real

 

Regengrau zieht sich durch das Landschaftsbild, verwaist liegen Wiesen, Felder, Äcker und Wälder verstreut an diesem Morgen, Stille durchzieht den noch frühen Tag wie leise Nebelschwaden... Stille?!

 

Jäh durchbricht ein lauter, glückstrunkener Freudenjauchzer, gefolgt von einem frechen Affenkeckern den friedvollen Moment bevor zwei, in SC-Blautöne gekleidete, leichtfüßig, federnde, fast hüpfend anmutende Mädels aus dem Wald hervor den Damm entlang preschen.

 

Denn ja, während die (so genannten ;) ) Schnellen, die Alten, die Dicken und die Lehrer Donnerstags im Corona-Tempo vor sich hin dümpeln, prescht die SC-Jugend voran und läuft einfach virtuell. Realer Wettkampf war gestern, virtuell (und doch real) ist heute. Und so liefen vier Wackere gestern den virtuellen Regensburg Marathon (Thorsten, Christoph Siebert), bzw. Halbmarathon (Silvie, Katja) 2020.

 

Und während der Regen auf uns niederprasselt stellen sich plötzlich Fragen wie, „Wenn wir nur „virtuell“ wett-kämpfen, wer läuft denn dann gerade ganz real? Und wenn ja, wie viele? (Gruß an Herrn Precht ;) ) Und liegen wir dann quasi noch im Bett, während unsere Avatare (oder waren’s etwa doch die Affa-tare, Silvie… ;D ) hier weder Kondition, noch Wasserfestigkeit scheuen?“

 

Tropf- und nasser werden wir, was erneute Fragen aufwirft, à la „Fühlen sich so die "Dicken" unter uns? So quasi, fünf Kilo regentrikotnässeschwerer?“, ist doch das einzig trocken-feuchte an und mit uns, noch das geschlossene Päckchen Tempotaschentücher in meiner Hand, was uns zumindest dekadentes Toilettengangfeeling im Fall der Fälle zu bescheren weiß. Fast sind wir dankbar, als uns unser mobiler, in strahlend-weiß erleuchteter Motivations- und Getränkespender durch das Regengrau entgegen geradelt kommt, erlöst er uns doch nicht nur von philosophisch gestützten Fragen, nein, zeigt er uns doch auch, dass die teils im Training gern belächelten „Alten“, (doch im Herzen so sehr jungen), im SC ganz schön gut mithalten können und weder Wetter, noch Spontaneität und Flexibilität scheuen, um uns Jungen zu unterstützen, die Jugend zu trainieren und uns quasi auf das harte Alltags-SC-Zukunftsleben vorzubereiten, dabei genauso regenass, laut jauchzend mit dabei seiend.

 

Mehr noch, uns am Ende nach erfolgter Zielerreichung, und trotz Corona, einfach mal in die Arme nehmend, aus dem puren, glücklichen Moment heraus, weil die Nähe und der geteilte Augenblick dem Herzen und der Seele gut tun und dies ebenso viel Wert ist, wie irgendwelche Regularien (,die übrigens komplett eingehalten wurden, bzgl. Gruppenstärke, Mindestabstand, Personenanzahl im öffentlichen Raum,...). Und das gemeinsame Erleben, unser Miteinander, gemischt mit Herz, Schmankerln und dem puren Sein eben manchmal ebenso viel zählt (wenn nicht sogar noch so viel mehr), wie all das andere in diesem wundervollen, leuchtend einzigartig’ Leben.

 

Und so bleibt denn viel zurück an diesem Tag und Vormittag. Ein richtig toller Lauf, tropfnass, doch voll mit Lachen, Glück und Jauchzen. Nein, zwei sogar, denn auch die Jungs kommen gekonnt ins Ziel, die Mädels im Schnitt mit 1,55h auf den Halben, viel Quatschen, Jauchzen, Keckern, Glücklich-Sein und Lachen inbegriffen, die Jungs mit ca. 4:05h auf die gesamte Marathonstrecke, einer kurzen Linx-rechts-Orientierungslosigkeit und einer Zielgeraden-Runde um den Kreisverkehr, bevor es zum vereinten Finisher-Radler und dem allseits verdienten Rhababerkuchen kam. Und während wir uns mit einem glücklichen Grinsen anschauen und uns gegenseitig nickend bestätigen, „Leider geil! Wiederholung inbegriffen!“, frag ich mal in die (Donnerstags-) Runde, „Lauft ihr schon oder dümpelt ihr noch?“ ;)

 


Sommer 2018

Überleben im Schwarzwald

- oder - Von Grabsteinen, schwarzen Sockenlöchern und essentiellen Fragen

 

„Ein Männlein steht im Walde, ganz…“, nein, nicht still und stumm. Und auch nicht nur eines, sondern gleich vier, bzw. drei und ein Mädel. Und das eine erst genannte vor allem auch nicht still und stumm. „Uuhh“, „Aahhh“, „Iihh“, hallt’s vor mir durch den Wald. Gefolgt von undefinierbaren, tief aus dem Bauch heraus kommenden „Üühh“‘s. Und wüsste ich nicht, wo ich bin, wer das ist und würden meine Augen nicht sehen, was sie sehen, würde ich mir vermutlich Sorgen machen. So steigt „nur“ ein lautes Lachen tief aus meinem Bauch hervor und ich muss an mir halten, auch wirklich weiterzulaufen und mich nicht vor Lachen auf dem Boden zu kugeln.

 

Ich seh Eure Fragen bildlich vor mir: „Wo ist sie denn jetzt schon wieder?“, „Wer schreit denn da?“, „Macht sie etwa schon wieder ein Survival Camp?“ und „Wer muss dieses Mal dran glauben?“

 

Ich beginne mal von vorne und doch schon mittendrin. Bei den berühmt-berüchtigten Donnerstags- und überhaupt-Läufen mit und von meinem Vater, im Folgenden auch Manni genannt. Letzten Donnerstag ging‘s von Önsbach aus hoch zum Hornisgrindeturm auf 1164m und weiter zum Mummelsee, was gesamt so um die 20/22km sein sollten.

 

Während sich Manni gleich zu Beginn in altbekannter Manni-Manier erst einmal dicke Freunde schuf, indem er eine Runde selbstgebackener, herzhafter „Kekse“ verteilte, die bei dem ein oder anderen ungeahnte Leistungsfolgen hatte („Die gute Bio-Leberwurst, nicht Roland?“ ;D ), bereitete sich eine kleine Gruppe Wackerer mental bereits auf das Abenteuer „Schwarzwald“ vor. Und so ging es los, Manni stets voraus, er musste schließlich die Folgen seiner Taten fürchten,…Roland dicht auf seinen Fersen und der Rest dann hinterher.

 

Der Rest? Nein, eine kleine Gruppe Tapferer machte sich auf, auf vier Rädern hinauf zum Mummelsee, um sich dort auf zwei Beinen dem Abenteuer Schwarzwald zu stellen und den essentiellen Fragen, die einem auf 1100m Höhe irgendwo tief im Schwarzwald-Dschungel begegnen auf den Grund zu gehen. Fragen, wie „Wo sind wir hier eigentlich?“, „Wo ist der Weg?“ und „Welcher Weg überhaupt?“, gefolgt von „Weshalb liegen hier überall Grabsteine mitten aufm Weg?“, „Sind wir vielleicht auf die uralte Spur einer längst vergessenen Zivilisation von Ureinwohnern, Kannibalen, etc.???, gestoßen?“ und „Weshalb vergraben die ihre Opfer nach erfolgter Mahlzeit?“, was uns zum Grübeln Richtung „Wer trägt im Notfall eigentlich am Wenigsten zum Überleben unserer kleinen Gruppe bei?“ führte, bevor wir mit „Fällt der Hornisgrindeturm?“ (sollte man übrigens nachrecherchieren) nicht mehr um unser, sondern vielmehr um das Leben anderer fürchteten. Und schließlich die essentiellsten Fragen, „Wie kommen die Socken in die Pfütze – ist dies etwa der andere Ausgang des schwarzen Waschmaschinen-Lochs?“ und weshalb macht Christoph eigentlich schon wieder Pause und sitzt da faul am Boden rum?

 

Doch noch waren wir nicht soweit. Noch standen wir völlig arglos, im Vollbesitze unserer geistigen und körperlichen Kräfte am Mummelsee und verteilten uns erst einmal auf vier Bäume, um gemeinsam und tatkräftig die Regenwolken zu unterstützen, die tagsüber für das Überleben und den Durst unserer Natur sorgten. Und da der Mensch ja auch nicht nur Wasser trinken möchte, entschieden wir uns zum selbstlosen Einsatz zugunsten natürlicher Bewässerungsmaßnahmen.

 

Dermaßen erleichtert ging’s los, tapfer rannten wir vier erst einmal geradeaus. Der Weg war, grob skizziert in unseren Köpfen, klar. Vom Mummelsee übers Seibelseckle, Unterstmatt, Hornisgrindeturm, Ochsenstall, Mummelsee. Wir verließen uns ganz auf Peter. Er wird’s schon richten, respektive finden, so dachten wir. Dem alten Hasen macht schließlich keiner so schnell was vor. Bis auf den Schwarzwald und er am Ende selbst, wie wir entdecken mussten. Denn schneller als gedacht, und deshalb in Peter’s Sinne auch „das kann noch nicht die Abzweigung sein, wir laufen weiter“, hatten wir die richtige Abzweigung erreicht und, siehe seinen Gedankengang, auch ungenommen, passiert. Und so erreichten wir plötzlich das Ende eines breiten Weges. Geradeaus stand eine Bank mit Aussicht, jedoch ohne Aussicht auf Weiterkommen. Links ging ein kleines Pfädchen steil bergab (definitiv die falsche Richtung, den Berg runter wollten wir schließlich nicht), rechts ein kleines Pfädchen steil bergauf. Da die Richtung stimmte und außerdem ganz im Sinne von „Es wird schon ein Weg kommen.“ stürmten wir mit dem Mut der Furchtlosen drauflos. Tapfer rannte Christoph die ersten Meter voraus, bis…ja, bis wir wieder am Anfang wären… Ihr erinnert Euch, “Ein Männlein steht im Walde, ganz“…. „Uuhh“, „Aahhh“, „Iihh“, undefinierbares „Üühh“, gefolgt von einem hinter ihm erklingenden tiefen, lauten Lachen aus meinem Halse. Zur Aufklärung, es war nass. Zur In-Schutz-Name, es war richtig nass, da es den ganzen Tag über geregnet hatte. Unsere Schuhe waren bereits nach wenigen Metern tropfnass, ebenso wie unsere Laufhosen und somit wenige Minuten später auch wir. Denn bis zur Hüfte standen wir buchstäblich im Walde, von Farn umzingelt, der bereits lüstern seine Lippen leckte.

 

Ob er wohl der Verursacher der geheimnisvollen Grabsteine war, die wir in regelmäßigen Abständen auf unserem Weg fanden und die Christoph zum Nachdenken anregten, wer hier wohl begraben liege… Hatten wir etwa eine Population fleischfressender Farne mitten im Schwarzwald entdeckt, die durch Wanderer wohl genährt, in hüfthohem Wuchs standen? Oder…waren es etwa doch Zeugnisse einer uralten Kannibalen-Population?

 

Und während wir unter unseren Füßen nach diesem einen, nach diesem uralten Pfad tasteten, der da doch irgendwo sein müsste, hangelten wir uns stets von…ja richtig, Grenzstein zu Grenzstein, wie ich Christoph’s geheimnisumwitterte Grabsteingedanken schließlich lüftete. J

 

Doch außer hüfthohen Farnen, die weder Pfad, noch Weg markierten, sondern einfach nur ein riesengroßes, durchgängiges Feld bildeten, regelmäßigen Wasserlöchern, die sich plötzlich vor unseren Füßen auftaten, Stolpersteinen, über die wir im letzten Moment sprangen sahen wir buchstäblich den Wald vor lauter Bäumen nicht, in dem Falle, den Pfad vor lauter Farnen. Da ein Umkehren jedoch nicht in Frage kam, ein „Als den Berg hoch, wird schon richtig sein!“, fest in unseren Köpfen verankert saß (was am Ende ja auch stimmte), wir einen wirklich tollen Lauf hatten, (anders halt, aber anders muss ja nicht schlecht sein, ganz im Gegenteil: Anders kann manchmal ganz schön toll sein!) und ich vor innerem Glück und Freude den ganzen Wald zusammen jauchzte, trieben wir unsere Beine den Pfad stetig weiter bergauf.

 

Wie von selbst, stiegen in mir all die Bilder wilder Ur-Wälder und Dschungel dieser Welt, die ich schon bereist hatte auf. Ganz natürlich gab Peter, unser eigentlicher Führer, bereits zu Beginn des Farn-Waldes die Anweisung, „die Dschungelprinzessin solle mal die Führung übernehmen, sie hätte ja bereits Erfahrung“. Und so tobte ich denn durch die Farn-Wildnis, dicht gefolgt von Christoph (wenn er nicht gerade am Boden saß), Martin und Peter, die alle drei, angesteckt durch mich, einen eben solchen Spaß an diesem Abenteuerlauf entwickelten.

 

Und am Ende, ja am Ende siegte dann doch der untrügliche Instinkt eines alten Hasen. Bergauf lag das Ziel, der Weg war irgendwo mitten unter uns und wir erreichten hoch oben tatsächlich einen alten, hölzernen Wegweiser, der uns weiterhalf und auf einen richtigen Weg führte. Wobei, was ist schon richtig und was falsch? Denn jeder Weg, der uns Freude bereitet und erfüllt, ist doch am Ende der richtige Weg.

 

Wir zumindest kamen zwar klatschnass, jedoch voller Freude und Jauchzen an, hatten vermutlich DEN Lauf 2018 und, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, viel zu erzählen. Denn im Leben geht es nun mal häufig nicht um „Höher, schneller, weiter; in diesem Falle um noch mehr Strecke in noch kürzerer Zeit“, sondern manchmal auch einfach nur um den Spaß an der Sache und das große Glück, Freude, Lachen und Jauchzen, in einem „kleinen“ Lauf.

 

Und wer immer noch nach der Beantwortung der essentiellen Fragen dieses Lebens sucht, dem empfehle ich einen Weg, ab des Weges. Vielleicht auch einen Schritt hinein in die überwucherten Tiefen unseres bisherigen Lebens. Hinein ins Unbekannte, das uns manchmal zwar völlig wirr, chaotisch, zugewachsen und „zu viel“ erscheinen und dessen Dunkel uns in Ängste treiben mag, buchstäblich un-weg ist, sich jedoch bereits beim ersten Schritt hinein, einfach richtig anfühlt. Seien wir uns gewiss, am Ende wird der Weg genau da weiter, genau da hin führen, wo es für jeden von uns selbst auch richtig ist, wo es weder falsch, noch richtig gibt, wo unser ureigener Weg liegt und uns führt. Hinein in unser Glück, „Leben“ genannt.

 

Und vielleicht, ja vielleicht lässt sich an diesem Ort sogar die Frage nach dem schwarzen Sockenloch beantworten.

 

Wir zumindest haben unsere Antwort darauf gefunden. :)

 

Auf dass ihr immer Eurem ganz eigenen Weg treu bleibt und dieser Euch auch stets erfüllen mag,

Katja